WAS IST DAS "REVISED COMMON LECTIONARY“?

Was ist der Hintergrund des RCL? Wer hat es zusammengestellt und mit welcher Autorität?

Diese Leseordnung ist das Werk zweier ökumenischer Gruppierungen, die ihre Ressourcen jenen Kirchen, die in diese Gruppierungen Abgesandte geschickt hatten, zur Verfügung gestellt haben: namentlich die North American Consultation on Common Texts (CCT) sowie die Kommission: International English Language Liturgical Consultation (ELLC). Die erste dieser Gruppierungen gibt es seit Mitte der 60er Jahre und setzte sich zusammen aus katholischen und protestantischen Liturgiewissenschaftlern als Antwort auf die Liturgiereform, die durch das II. Vatikanische Konzil vorgenommen worden war. Diese Gruppierung arbeitete speziell im Bereich englischsprachiger Texte für die Liturgie, sowie im Bereich der Verbreitung des römischen Lektionars von 1969 (Ordo Lectionum Missae). Als Antwort auf das weit verbreitete Interesse an diesem römischen Modell nahmen viele nordamerikanische Kirchen Adaptionen und Überarbeitungen dieses Modells für ihren eigenen Gebrauch während der 70er Jahre vor. CCT hat diese Bestrebungen versucht zu harmonisieren und zu überarbeiten, fasste diese 1983 in einem Diskussionsprozess zusammen und überarbeitete das Ergebnis schließlich zur Publikation im Jahr 1992 als das: „Revised Common Lectionary“. Die Gruppierung CCT umfasst nun Vertreter von mehr als 25 protestantischen Kirchen Nordamerikas ebenso wie Vertreter der römisch-katholischen „International Commission on English in the Liturgie“ (ICEL). Die internationale Gruppierung ELLC repräsentiert ähnliche Gruppierungen in Australien, Neuseeland, Großbritannien und Kanada ebenso wie die ICEL.

Wie ähnlich ist die ökumenische Leseordnung der originalen römisch-katholischen Leseordnung?

Der Drei-Jahreszyklus sowie die Tatsache, dass jeder Gottesdienst drei Lesungen enthält, entspricht genau der römischen Ordnung. Auch der Kalender ist grundlegend der Gleiche. Die Lesungen aus dem Evangelium sind fast immer dieselben, ebenso wie die Auswahl der zweiten Lesung, die den Paulusbriefen entstammen und (nach Ostern) der Apostelgeschichte und der Offenbarung des Johannes. Die einzige, schwerer wiegende Unterscheidung findet sich an dem Punkt der alttestamentlichen Lesungen nach Pfingsten, wo wir die römisch-katholische, durch die typologische Exegese motivierte, Auswahl der alttestamentlichen Texte hintangestellt haben gegenüber einem breiteren Verbindungsstrang, der die Patriarchenerzählungen und Mose für das Lesejahr A vorsieht (Matthäus) die davidischen Erzählungen für das Lesejahr B (Markus), und die Lesungen aus den Büchern Elijah, Elisha und den kleineren Propheten für das Lesejahr C (Lukas).

Worin liegt die Begründung dafür?

In unserer anfänglichen Übersicht über den protestantischen Gebrauch der Variationen der römisch-katholischen Leseordnung und verschiedener Denominiationen fanden wir heraus, dass es eine Unzufriedenheit gab, über das Fehlen der narrativen Texte aus dem Alten Testament und der historischen Literatur, ebenso wie ein Defizit an weisheitlichen Texten. So haben wir versucht mit unserer breiteren Vernetzung zu dem Zweck einer ökumenischen Akzeptanz eine Alternative alttestamentlicher Leseordnung zu veröffentlichen, die näher an der römischen, anglikanischen und lutherischen Leseordnung ist für die Sonntage nach Pfingsten.

Wie weit verbreitet ist mittlerweile das Revised Common Lectionary (wenn wir natürlich davon ausgehen, dass die römisch-katholische Kirche weiterhin ihre eigene Leseordnung verwendet)?

Die Informationen, die wir in Irland im Jahr 1995 zusammengestellt haben, liegen vor: In der englischsprachigen Welt kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Kirchen, die in irgendeiner Weise die Tradition einer Leseordnung verwenden (einige erst in jüngster Zeit unter dem Einfluss des RCL) unsere Arbeit empfehlen. Dies umfasst Australien, Neuseeland, Kanada, die USA, Südafrika, Großbritannien (inkl. der beiden etablierten Kirchen von England und Schottland) und mittlerweile auch die presbyterianischen Kirchen in Korea (auch wenn diese nicht wirklich englischsprachig sind, außer in ihren missionarischen Anfängen).
Bei unserem Treffen in Irland hörten wir von römisch-katholischen Vertretern aus den deutsch- und französischsprachigen Regionen, dass diese Interessen an dieser ökumenischen Entwicklung bekundeten. Protestantische Gruppierungen in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Skandinavien beschäftigen sich ebenfalls mit unserer Leseordnung.

Worin liegt die ökumenische Bedeutung dieser Entwicklung?

Zunächst ist es eine völlig unerwartete Entwicklung, dass nach all diesen Jahrhunderten seit dem 16. Jahrhundert und der Reformation viele Kirchen, die über all die Jahrhunderte getrennt waren, sich nun dazu verpflichten, dieselben Lesungen Sonntag für Sonntag zu lesen. Dies ist eine Art von Ökumenismus, den niemand vorher ahnte, am wenigsten wohl der Heilige Stuhl in Rom. Dies wiederum ermöglicht auf wunderbare Weise wöchentliche Versammlungen des Klerus überall auf der Welt zu dem Zweck, gegenseitig an Predigten und Homilien zu arbeiten.

Die Frage wird allerdings gerade aus solchen Gruppierungen gestellt, warum an vielen Sonntagen scheinbar keine klare theologische oder thematische Verbindung zwischen den Lesungen vorherrscht. Können Sie das erklären?

Die thematische Situation ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, ob sie sich inmitten der liturgischen geprägten Zeit des Advent bis zur Fastenzeit bzw. von der Fastenzeit bis Pfingsten befinden oder in der langgestreckten Zeit der Sonntage zwischen Pfingsten und dem ersten Advent: in der römischen Terminologie als „Zeit im Jahreskreis“ bekannt. In den geprägten Zeiten wird immer eine offensichtliche – hoffentlich? – Einheit der Lesungen zu entdecken sein, angeleitet von der Evangeliumslesung für den Tag. In der Zeit nach Pfingsten, der Zeit im Jahreskreis, ist die Situation allerdings anders. Und selbst die klügsten Predigtratgeber scheinen sich dessen zumeist nicht bewusst zu sein. An diesen Sonntagen trennen wir die alttestamentliche Lesung von der Evangeliumslesung und legen ihnen eine fortlaufende „Sonntag zu Sonntag“-Basis zugrunde. Diese fortlaufende Leseordnung gilt, selbst wenn wir jene Lesungen ausgewählt haben aus dem Alten Testament, an denen der jeweilige Autor des neutestamentlichen Textes (des Lesejahres) am meisten interessiert zu sein schien, d. h.: Matthäus an den Patriarchenerzählungen und Moses, Markus an David, und Lukas an den Propheten. In dieser Zeit sollten sich die Prediger darüber im Klaren sein, dass die zweite Lesung (aus dem Neuen Testament) voranschreitet von Woche zu Woche in einer Lectio continua von Kapitel zu Kapitel, so dass es keine offensichtliche Verbindung zwischen der Epistellesung auf der einen Seite und dem Evangelium oder alttestamentlichen Lesung auf der anderen Seite gibt. An diesen Sonntagen also schreiten alle drei Lesungen, die keine direkte thematische Verbindung haben, auf einer kontinuierlichen oder semi-kontinuierlichen „Spur“ voran. Wer dies skeptisch betrachtet oder als Problem ansieht, der sollte sich daran erinnern, dass solch eine Abfolge der Lesungen direkt ausgeliehen ist vom Gebrauch der Tora, wie er in der Synagoge üblich ist, mit der daraus folgenden Praxis der frühen Kirche in den ersten Jahrhunderten. So ist zu sagen, dass das öffentliche Lesen der Schriften ursprünglich niemals zusammengestellt wurde als eine Textquelle für die Predigt, sondern vielmehr um die versammelte Gemeinde mit so viel Schrift wie möglich in Berührung zu bringen. Dies wiederum ist die ausdrückliche Intention auch des II. Vatikanischen Konzils und der von ihm angestrebten Revision des römischen Lektionars und damit natürlich auch aller Leseordungen die davon abgeleitet sind.

Was bedeutet dies für die Vorbereitung der Predigt speziell an jenen Sonntagen im Jahreskreis in der Zeit nach Pfingsten?

Diese Frage stellt sich meistens, wenn gesagt wird, dass man das Lektionar „manchmal“ verwendet, was bedeutet, dass man vermeidet das RCL in der Zeit im Jahreskreis zu verwenden. Dieses Argument allerdings verfehlt den zentralen Punkt des Prinzips einer durchgehenden Kontinuität. Deshalb muss gesagt werden, dass während dieser Zeit im Jahreskreis der Prediger, der sich der Struktur der Leseordnung bewusst ist, sich entscheiden muss, welcher „Spur“ (Evangelium, Neues Testament oder Altes Testament) er/sie Sonntag für Sonntag folgen will. Sicherlich sollte kein Versuch unternommen werden, eine thematische Einheit aller drei Lesungen zu erzwingen, wo es faktisch keine gibt. Noch weniger sollte der Prediger nach dem Prinzip „hüpfen und springen“ vorgehen, also zwischen den drei Sorten von Lesungen hin und her springen, die auf einer Woche zu Woche Basis organisiert sind. Der radikale Umdenkprozess, den diese Leseordnung für den Prediger herausfordert, ist es, über die wöchentliche Predigt nachzudenken als ein sequentielles Geschehen (von Sonntag zu Sonntag) und weniger als ein thematisches Geschehen (nur auf einen Sonntag bezogen) Eine exzellente Analyse dieser Fragestellung findet sich in dem Buch von Fritz West mit dem Titel „Scripture and Memory“ dass in den USA von dem Verlag Liturgical Press publiziert

Diese Einführung in das Revised Common Lectionary ist die adaptierte Fassung eines Interviews, das Dr. Horace T. Allen Jr., Vize-Vorsitzender der ELLC, gegeben hat. Es wurde für den Kongress der Societas Liturgicas im August 1997 in Turku, Finnland, in dieser Form überarbeitet.

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